Darf man als Azubi auch mal Nein sagen?

Nein sagen
3 Kommentare

Bestimmt fragst du dich beim Lesen der Artikelüberschrift: „Nein sagen? Als Azubi? Wie bitte? Das geht?“. Und die Antwort ist ganz klar: Ja, als Azubi darfst du auch nein sagen!

Nicht jeder in der Kanzlei kennt deinen Workload und daher kann niemand riechen, wenn du überfordert bist und diese oder jene Aufgabe nicht „noch ganz schnell zwischendurch“ übernehmen kannst.

Außerdem fehlen dir als Azubi häufig die Fähigkeiten, um bestimme Dinge so schnell zu erledigen, wie es von dir erwartet wird. Auch das wissen nicht alle Kolleginnen und Kollegen, die dir etwas aufdrücken wollen.

Besonders, wenn deine Zeit nicht ausreicht, bist du sogar verpflichtet, nein zu sagen: Denn als Auszubildende zur Steuerfachangestellten darfst du keine Überstunden machen. Auch gelten für dich das Arbeitszeitgesetz und der Arbeitsschutz entsprechend. Sobald eine Aufgabe dich zeitlich so in Anspruch nehmen würden, dass du die Aufgabe in der Pause oder durch Überstunden erledigen könntest, darfst du diese Aufgabe ablehnen.

Denke immer zunächst an deine Gesundheit und nicht daran, allen gefallen zu wollen. Klingt einfach? Das können wir gut verstehen. Denn nein sagen fällt den meisten Azubis ziemlich schwer.

Aber bedenke, welche Konsequenzen auf dich warten können, wenn du „ja“ sagst, obwohl du „nein“ meinst:

  • Stress entsteht.
  • Du fühlst dich unwohl.
  • Du wirst demotiviert.
  • Zeitdruck sorgt dafür, dass alles aus dem Ruder läuft.

Kenne also deine persönlichen Grenzen und mache dir zunächst bewusst, warum „nein sagen“ eigentlich so schwer ist. Erst dann kannst du lernen, selbstbewusst Aufgaben abzulehnen.

Warum ist nein sagen so schwer?

Ablehnung fühlt sich nie wirklich gut an. Aber selbst in der Lage zu sein, ein Angebot, eine Aufgabe oder etwas anderes mit „nein“ abzuschmettern, fühlt sich oft nicht gut an. Um andere nicht zu verletzen oder abzulehnen, ist eine Zusage, ein „ja“ oft der einfachere Weg.

Auch, wenn es nach außen hin so aussieht, als wäre es einfach, „nein“ zu sagen, so gibt es doch viele Gründe, warum es in bestimmten Situationen unfassbar schwer sein kann:

  • Man hat Angst, nicht mehr gemocht zu werden
  • Man hat Angst vor Konsequenzen
  • Man will nicht als Egoist dastehen
  • Man will gebraucht werden
  • Man hat Angst, etwas zu versäumen
  • Es gibt Druck von außen

Besonders als Auszubildende zur Steuerfachangestellten hat man häufig das Gefühl, man dürfe auf Fragen nicht mit „nein“ antworten. Denn dadurch, dass Auszubildende am Ende der Hierarchie-Kette in der Kanzlei stehen, fühlen sie sich manchmal enormem Druck ausgesetzt.

Der Schreibtisch ist voll, der Kalender quillt über und der 10. des Monats rückt in beängstigender Geschwindigkeit näher. Und dann kommen auch noch Kollegen A und B, die dir ganz kurzfristig eine sehr wichtige Aufgabe zuschieben und mit freundlichem Gesicht meinen, dass du das ganz sicher noch kurz dazwischen schieben kannst.

Nicht so einfach…

Da will man am liebsten „nein“ sagen, vor allem, wenn der Ausbilder dir im Nacken sitzt und dich ermahnt, dass du eigentlich keine Überstunden machen darfst. Gerade bei Stress am Arbeitsplatz kommt alles zusammen: Du willst die Aufgabe übernehmen, weil du durch sie wächst und eigentlich sehr große Lust darauf hast. Aber sie passt einfach nicht in deinen Zeitplan! Du hast also gleichzeitig Angst, dass man dich als unzuverlässig oder faul abstempelt.

Du willst auch in der Rolle als Azubi nützlich sein, gebraucht werden. Du willst außerdem nicht, dass andere durch dein „nein“ einen Nachteil haben und die Angst in dir, dass du nicht mehr gemocht wirst, wächst heran.

Hier kommen viele natürliche Ängste zusammen, die dafür sorgen können, dass du die neuen Aufgaben annimmst, dich überforderst und am Ende nichts gewonnen hast – im Gegenteil! Durch den Druck, der so entsteht, kann es sein, dass du deine übermäßig vielen Aufgaben nachlässig bearbeitest und Flüchtigkeitsfehler dich nicht nur ausbremsen, sondern deine Ängste und Sorgen verstärken oder schlimmstenfalls bestätigen.

 

[sam id=”3″ codes=”true”]

 

Wie gehe ich mit Druck von außen um?

Egal, wie sehr du angebettelt wirst, etwas zu tun, das dich überfordert und überbeansprucht: Du musst versuchen, realistisch abzuschätzen, wieso du gerade dazu gedrängt wirst, „ja“ zu sagen.

Viele Menschen werden sehr kreativ, wenn es darum geht, dich zu überzeugen. Sie lösen beispielsweise Schuldgefühle aus, indem Sätze wie „wenn du dieses Formular nicht für mich ausfüllst, kann ich die Kleine nicht vom Kindergarten abholen“ oder „Du kannst das doch schon so gut, warum erledigst du das nicht ganz kurz für mich?“ fallen.

Die Methoden des Überredens lassen sich in folgende Kategorien einteilen:

  • Schuldgefühle auslösen, Mitleidstour
  • Erpressung, Bestechung
  • Druck, Überrumpelung
  • Schmeicheleien

Die Strategien erkennen

Dein erster Schritt zur Lösung eines solch delikaten Problems ist: Entlarve die Strategie!

Je nachdem, welche Mittel eingesetzt werden, kannst du entsprechend reagieren. Generell gilt: Wenn du überrumpelt wirst, frage immer nach, ob du ein paar Minuten Bedenkzeit haben kannst!

Ein Satz wie „Können Sie mir mehr Zeit geben? Ich sage Ihnen in zehn Minuten Bescheid“ kann wahre Wunder wirken!

Schmeichelt sich jemand bei dir ein, kannst du ganz ehrlich und direkt darauf eingehen: „Ihr Lob schmeichelt mir, aber leider schaffe ich das heute nicht mehr.“

Und wie sagt man jetzt richtig „nein“?

Zugegeben ist es unhöflich, auf eine Anfrage einfach ein kaltes „nein“ zu sagen. Also brauchst du drei Faktoren, die stimmig sein müssen, um anderen nicht vor den Kopf zu stoßen und keiner deiner Ängste zu erliegen, während du „nein“ sagst.

Du brauchst Selbstbewusstsein, eine angemessene Körpersprache und den richtigen Ton!

Wenn du selbstbewusst handeln willst, musst du selbstbewusst denken. Ersetze also deine ängstlichen Gedanken durch selbstsichere Gedanken. Das muss nicht von Anfang an funktionieren, aber kleine Schritte führen dich hier zum Ziel.

Beobachte dein Gegenüber, wie es reagiert, wenn du begründet und freundlich „nein“ sagst, während du dir im Kopf schon fest versprochen hast, dass du bei deinem „nein“ bleiben willst und wirst.

Ist dein Gegenüber enttäuscht, so ist das die Sache deines Gegenübers. Kann die Kollegin wegen deines „nein“s das Kind nicht rechtzeitig vom Kindergarten abholen, so musst du dir darüber keine Gedanken machen.

Du hast ein Recht darauf, dass deine Bedürfnisse erfüllt werden und musst dich nicht um die Probleme anderer kümmern. Schon gar nicht, wenn die anderen erfahrener sind als du und mit ihrer Zeitplanung eigentlich viel besser zurecht kommen müssten.

Körpersprache

Achte dabei darauf, dass du nicht auf deinem Stuhl sitzt wie ein nasser Sack. Deine Körperhaltung ist wichtig, um deiner Stimme ein gewisses Gewicht zu verleihen. Gleichzeitig hilft es, die Wahrnehmung der Person von dir, die du gerade ablehnst, in ein positives Licht zu rücken.

Versuche es bei der nächsten Gelegenheit mit folgender Körpersprache:

  • Aufrecht sitzen oder stehen
  • Schultern zurück und nach unten
  • Blickkontakt halten, keine Grimasse ziehen
  • Feste, kräftige Stimme

Wichtig ist dabei natürlich auch, dass du sanft nein sagst. Wenn es geht, baue Humor und Verständnis in deine Absage ein. Bedanke dich außerdem dafür, dass dir diese Aufgabe zugetraut wird!

Wenn es möglich ist, kannst du auch ein Gegenangebot machen und beispielsweise eine deiner Aufgaben gegen die Aufgabe tauschen, die dir gerade angeboten oder aufgezwungen wird. Wichtig ist dabei, dass du dennoch selbstsicher wirkst und nicht den Eindruck machst, als wolltest du dich verzweifelt retten.

Verständnis zeigen ist außerdem hilfreich, deine Angst, wie ein Egoist dazustehen, endgültig einzudämmen. Sei freundlich, direkt und konkret und stammele nicht rum. So wird es schon klappen!

 

Hast du schon mal nein sagen müssen? Und wenn ja, hast du dich getraut? Wie sieht es bei dir in der Kanzlei aus, sind die Azubis die Fußabtreter für die unliebsamsten Aufgaben, am besten noch kurz vor Feierabend? Hinterlasse und gerne einen Kommentar oder starte eine Diskussion im Forum!

Ähnliche Blogartikel

3 Kommentare
    • Avatar
      Moni
      Sep 15, 2016 08:29 am Reply

      Was bei mir immer sehr gut funktioniert: Wenn jemand eine Stunde bis halbe Stunde oder sogar noch knapper vor Feierabend kommt und fragt ob ich dies und das machen kann ist meine Gegenfrage immer “Das reicht ja dann morgen früh gleich, oder?”. Klappt in 90% der Fälle.

      Meistens ist es ja ein Kommunikationsproblem. Die Kollegen sind sich teilweise schon klar darüber, dass man nicht alles gleich sofort machen kann, als Azubi möchte man aber natürlich alle Aufgaben so schnell und so gut es geht erfüllen und interpretiert immer “am besten in den nächsten 10 Minuten”.

      Ich hatte auch einmal eine kleine Diskussion, da ich zwei Chefs habe und die sich natürlich nicht immer absprechen wer den Azubi heute haben darf 😀 Habe dann mal angemerkt, dass ich manchmal zu viel gleichzeitig bekomme. Seitdem ist es so; wenn ein Chef etwas Wichtiges will sage ich “Ja, das kann ich machen, ich habe hier nur noch etwas anderes, was auch heute fertig werden soll.” – dann sagt der eine Chef jetzt immer dem anderen Bescheid, dass er mir was für zwischendrin gegeben hat das noch wichtiger ist, es ist nämlich als Azubi auch nicht immer leicht abzuschätzen ob man jetzt beides machen kann und wenn man das versucht allein zu entscheiden endet es manchmal schon mit einer kleinen Standpauke und Überstunden.

    • Avatar
      HSharon
      Sep 16, 2016 10:25 am Reply

      Wenn ich neue Aufgaben bekomme, aber noch andere in der Warteschlange habe, frage ich nach der Priorität der Aufgabe. Manchmal ist es ja tatsächlich so, dass neue Aufgaben aus zeitlichen Gründen zuerst bearbeitet müssen.
      Bei der Frage nach der Priorität, kann ich gleich hinzufügen, was noch bei mir liegt an Arbeit. Daran erkennt mein Chef bzw. meine Kollegen ob das jetzt überhaupt sinnvoll ist, wenn ich die zusätzliche Aufgabe erledigen soll.
      Das klingt dann zum Beispiel so:
      “Hey, ich habe hier noch zwei Steuerbescheide zur Prüfung, ich lege sie dir hier hin.”
      “Wie dringend müssen die geprüft werden? Ich bin gerade an der Buchhaltung von X und muss auch noch die ESt von Y und Z fertig machen. Dafür brauche ich bestimmt noch drei Tage.”
      “Dann mach zuerst diese Aufgaben fertig… die Frist der Bescheide läuft noch eine Weile; du kannst das nächste Woche erledigen.”

      Ich finde, das ist eine neutrale Art um zu signalisieren, wie ausgelastet man ist mit Arbeit. Ohne gleich verzweifelt zu wirken oder den Anschein zu erwecken, man hätte keine Lust auf die Arbeit.

      Übrigens verhält es sich meiner Erfahrung nach so, dass dem Chef bzw. den Chefs lieber ist, man sagt, wenn es zu viel wird, als dass man sich heillos in ein Schreibtischchaos stürzt. Denn spätestens, wenn mein Vorgesetzter mich fragt “was liegt denn noch alles bei dir?” und ich gar nicht mehr zusammen kriege, was alles noch übrig ist und wie der Stand der Dinge ist, ärgern wir uns wahrscheinlich beide…

      • Avatar
        Moni
        Sep 19, 2016 08:12 am Reply

        Ganz genau, man muss eben kommunizieren! Auch eine gute Idee, nebenbei alles zu erwähnen, was man grade macht.
        Als neuer Azubi ist man da oft noch schüchtern, man weiß ja gar nicht, ob man “zugeben darf”, dass man die Sachen nicht alle auf einmal schafft. Aber das soll man sogar.
        Oft bekommt man als Azubi eine Aufgabe ja nicht unbedingt, weil kein anderer Zeit hat, sondern (im Idealfall), weil der Ausbilder denkt, dass es auch eine gute Übung ist. Wenn man dann eben doch noch andere Dinge zu erledigen hat gibt er die Sache eben jemand anderem, wenns dringend sein sollte.

Hinterlasse uns einen Kommentar