Der Tag, an dem die Situationen während meiner Ausbildung eskalierten

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Eines Tages wurde mir gesagt, dass alle Ausdrucke, die aus dem einen Drucker mit der Nummer X kamen und eine DinA3-Seite enthielten, von uns Auszubildenden zu einem Jahresabschluss gebunden werden sollten. Klar, warum nicht? Klingt nach einer Azubi-Aufgabe und ist doch sinnvoll.

Also habe ich das gemacht. Immer wieder und wieder. Eines Tages kam aber ein Ausdruck, bei welchem ich den Mandanten schnell als den Mandanten vom “bösen Chef” höchstpersönlich herausstellt. Das Ergebnis bekommt er. Also wurde ich natürlich angewiesen, dass keine Knicke drin sein dürfen, eigentlich darf ich den Jahresabschluss nicht mal mit eigenen Fingern berühren, weil durch den Druck der Fingerkuppen bereits kleine Dellen in das hochwertige Papier kommen können.

Tatsächlich war ich durch die Vorgeschichte mit diesem Chef zittrig. Ich hatte noch nie zittrige Hände, als ich eine Aufgabe machen musste. Bisher war ich immer entspannt, weil ich dachte, ich hätte alles im Griff, ich hatte eine Liste mit den (übrigens illegalen) betriebsfremden Aufgaben als Putzfrau usw., die ich brav abhakte. Dennoch gab es Ärger.

Ich war zu schlecht, um ausgebildet werden zu dürfen.

Ich war nichts wert.

Alles ging so schnell. Ich habe die Löcher falsch gestanzt, den Jahresabschluss im System gesucht und nicht gefunden. Mehrere Mitarbeiter mit meinen Fragen belästigt (Hätte der Chef mich erwischt, wie ich der Steuerfachwirtin eine Frage gestellt hätte, hätt er mich bestimmt wieder angemotzt, denn ihre Zeit ist die wertvolle Zeit) und anschließend kam ich selbst darauf, die falsch mit Löchern gestanzten Seiten einzuscannen, sie am Computer mit einem BIldbearbeitungsprogramm aufzufrischen, neu auszudrucken und anschließend richtig zum Jahresabschluss zu binden. So groß war meine Angst vor dem Chef. Aber die Angst wurde durch meine Aktion, die einem genialen Einfall glich, wurde nicht geringer, sondern größer. Denn ich brauchte mehr Zeit. Ich habe mich fast eineinhalb Stunden mit diesem Jahresabschluss beschäftigt. Am Ende war er fertig. Der Chef hatte schon ungeduldig gefragt, wo sein Ausdruck bleibt.
Ich gehe zu ihm hin, bemerke kurz vor seiner Tür, dass einer dieser berühmten Fingerkuppen-Anfass-Dellen auf der Vorderseite entstanden ist. Ich denke mir, ich möchte ein guter Azubi sein und starte mit der Flucht nach vorn, sage ihm sofort, dass mir dieses kleine Missgeschick geschehen ist und sollte er diese Mikrometer-Delle bemerken und für nicht angemessen finden, solle er mir den Abschluss neu ausdrucken und ich machte es sofort neu, versprochen.

“Was haben Sie denn gemacht??? Das ist nur ein Entwurf. Ich wollte nur den Ausdruck haben, jetzt haben Sie Material zum Binden von diesem Zeug verschwendet, was gar nicht hätte sein können”

Bumm. Tür zu. Azubi tot.

Nein, so natürlich nicht. Aber irgendwas hat in mir immer wieder alles zum Überkochen gebracht, dennoch bleib ich still und lieb. Ich suchte den Fehler bei mir und fing an, Listen zu erstellen.
Eine dieser Listen siehst du hier in einem Bild. Es ging mir bei diesen Listen darum, herauszufinden, was ich machen sollte, wenn mir verschiedene Personen etwas gesagt hatten. Ich habe von vorneherein die Glaubwürdigkeit verschiedener Mitarbeiter verurteilt und mir gedacht, was der Chef wohl haben möchte. Am Ende kam ich in ein Dilemma, denn da mir empfohlen wurde, den Chef niemals mit Fragen zu belästigen, kam ich auf keinen grünen Zweig mit meinen How-to-Azubi-Listen.

Wie ich gegen Anfang des Artikels schon berichtet habe, habe ich den Fehler gemacht, nicht zu kündigen, sondern mich weiter zu bewerben. Ich bin eines Samstags zusammengebrochen, hatte Panikattacken und wollte nicht mehr leben – das formulierte ich einer dieser Panikattacken, ohne es wirklich zu meinen. Der Chef hatte sein Ziel erreicht: Der Azubi hatte Angst vor der Arbeit.
Ich hatte auch Angst, zur Arbeit zu gehen, weshalb ich mir Unterstützung suchte. Mein bester Freund musste von Sonntag auf Montag bei mir übernachten, damit ich überhaupt vor einem Arbeitstag ein Auge zu kriege. Ich fühlte mich wie traumatisiert. Am Morgen wachte ich um fünf Uhr auf, hyperventilierte, mein Blutdruck war erst gegen Maximum, dann fiel er ab und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Meinem besten Freund war klar – das Mädchen bleibt im Bett, komme, was wolle. Nach Angstzuständen vor der Tatsache, dass der Chef mitkriegen wird, dass ich krank bin, hatte er mich zum Arzt geschleppt. Der Arzt hörte sich alles an und schreib mich für die komplette Woche krank – und empfahl mir, mich weiter zu bewerben.

Was der Fehler war? Ich war krank. Das war der Fehler.
Ich hätte wie ein Stehaufmännchen zur Arbeit gehen sollen.
Dachte ich jedenfalls.

Am Mittwoch fühlte ich mich wieder etwas stabiler, der Stress der Arbeit konnte ich zwischen Freitagnachmittag und Mittwochnachmittag etwas legen. Da kam eine SMS meines Azubi-Kollegen aus dem dritten Lehrjahr. Ich erinnere mich noch genau an die Worte. “Oh Gott, wie geht es dir? Ich habe es gerade gehört. Kommst du klar?” Da ich vorgab, nur ein kleines Krankheitswehwehchen zu haben und nicht mit der Wahrheit rausrückte, hakte ich nach, was denn sein sollte und dass es mir mit Tee, Bettruhe und Fieberthermometer fantastisch geht.

Nach einigen Kurzmitteilungen erfuhr ich, dass ich gekündigt worden war. Und den schriftlichen Beweis hielt ich kurze Zeit später unfrankiert in den Händen. Jemand aus der Kanzlei hat mir die Kündigung persönlich vorbei gebracht, kurz nach der Nachricht des Kollegen.

Und ihr werdet es mir nicht glauben, was ich getan habe. Ich habe nicht geweint, ich war nicht verzweifelt, ich habe mir keine Sekunde auch nur eine Sorge darüber gemacht, wie ich meine Miete zahlen sollte und wie es weitergehen sollte – in einer Woche würd die Berufsschule anfangen. In zwei Wochen wäre ein dreitägiges Seminar. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, ob ich die Kanzlei jemals wieder betreten würde (auch heute ist die Antwort nein) und ob ich mit dem Azubi-Kollegen weiter Kontakt halten würde (die Antwort ist ja) und ob es noch einmal zu einem Gespräch mit dem Chef kommen würde (nein, er ist viel zu wichtig für sowas). Ich habe meine Freunde angerufen, sie herbestellt, Sekt und Bier gekauft und hatte einen richtig entspannten Abend. Wir haben meine Freiheit gefeiert.

Natürlich heißt das nicht, dass ich die Freiheit “ohne Ausbildung” feiere, nein. Ich feiere die Freiheit “ohne Schikane”. Nach diesem feierlichen Abend unter der Woche, nach welchem ich ausschlafen durfte, fing meine Reise eigentlich erst wirklich an.

Es standen Probleme vor der Tür, die gelöst werden sollten. Ich hatte an diesem einen Abend mit dem Sekt vergessen, wie anstrengend die nächste Zeit eigentlich werden würde.

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