Warum ist das deutsche Steuerrecht so kompliziert?

Expertenreihe
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Vielleicht hast du auch schon einmal gehört, dass angeblich über die Hälfte der weltweiten Steuerliteratur auf Deutsch verfasst wurde?

Auch wenn diese Aussage definitiv nicht stimmt, ächzen Steuerpflichtige, Steuerprofis und Steuerazubis oft wegen der vielen Vorschriften, Ausnahmeregelungen, Ausnahmen von den Ausnahmen und Ausnahmen von den Ausnahmen von den Ausnahmen… die gefühlt jedes Jahr alle geändert werden.

Nicht wenige fragen sich deshalb, ob das Steuerrecht irgendwann leichter wird. Und woran es eigentlich liegt, dass das deutsche Steuerrecht so schwer ist.

Diese Frage habe ich an unsere Experten weitergereicht und wollte wissen, warum es uns Steuerazubis eigentlich so schwer gemacht wird.

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Warum ist das deutsche Steuerrecht so kompliziert?

[us_testimonial style=”2″ author=”Thomas Hund ” company=”stellv. Hauptgeschäftsführer der Bundessteuerberaterkammer” img=”11843″ link=”url:https%3A%2F%2Fwww.bstbk.de%2Fde%2Findex.html||target:%20_blank|”][/us_testimonial][us_separator type=”invisible” size=”small”]

Im deutschen Steuerrecht gibt es verhältnismäßig wenige Pauschalen, wie z. B. den Werbungskostenpauschbetrag von 1000 €. Hat man höhere Werbungskosten und weist diese nach, wird der höhere Betrag berücksichtigt.

Dadurch wird es komplizierter, im Gegenzug wird aber mehr Einzelfallgerechtigkeit erreicht. Je mehr Pauschalregelungen es gäbe, die ohne Möglichkeit zum Nachweis höherer Aufwendungen oder niedrigerer Einnahmen angesetzt würden, desto einfacher würde es. Das würde aber von vielen Steuerpflichtigen als ungerecht empfunden.

Außerdem gibt es Bereiche wie z. B. das gerade reformierte Investmentsteuerrecht, bei denen ein kompliziertes Steuerrecht die komplizierten Sachverhalte widerspiegelt. Insgesamt betrachtet ist das deutsche Steuerrecht aber auch nicht komplizierter als das Steuerrecht anderer Staaten.

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Weil wir es so mögen. Das Ideal der Einzelfallgerechtigkeit und die lange Tradition machen es sehr schwierig, alte Zöpfe abzuschneiden.

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Steuerrecht ist grundsätzlich keine leichte Kost. Auch im Ausland gibt es komplizierte steuerliche Regelungen. In den USA wird die Einkommensteuer beispielsweise bis auf Gemeindeebene herunter gebrochen. So müssen US-Bürger jährlich bis zu drei Einkommensteuererklärungen für Bund, Bundesstaat und Gemeinde einreichen. Ob das deutsche Steuerrecht komplizierter als anderswo ist, vermag ich daher nicht zu beurteilen.

Das deutsche Steuerrecht führt allerdings im Ergebnis zu einer scheinbar unendlichen Zahl von Ausnahmen. Nehmen wir als Beispiel die Regelungen zum häuslichen Arbeitszimmer. Oder die abstrusen Ausnahmen beim ermäßigten Umsatzsteuersatz. Ich sage nur „Currywurst-Urteil“ und „Schweineohren-Erlass“.

Das bringt einen zwar einerseits hin und wieder mal zum Haare raufen. Auf der anderen Seite sind es aber genau solche skurrilen Entscheidungen, die mitunter richtig amüsant sein können. Anders als viele denken, ist Steuerrecht manchmal richtig unterhaltsam.

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Schon im Rahmen meines Studiums habe ich stets den Satz gehört „Das Leben ist kompliziert, also ist auch das Steuerrecht kompliziert.“ Diesen Satz kann ich nur unterstreichen.

Das Steuerrecht muss auf Lebenssachverhalte angewandt werden, und diese werden nun immer komplexer. Nur ein Beispiel: Bücher unterliegen lediglich einem Umsatzsteuersatz von sieben Prozent. Irgendwann kamen dann aber E-Books auf. Und nun musste man sich also mit der Frage beschäftigen, wie diese zu besteuern sind.

Es ist übrigens ein Trugschluss zu glauben, in anderen Ländern, insbesondere in anderen Industriestaaten, sei das Steuerrecht weniger kompliziert. Zugegebenermaßen könnte aber vielleicht der Hang zur Perfektion und zur Einzelfallgerechtigkeit im deutschen Steuerrecht etwas geringer ausfallen.

[us_separator][us_testimonial style=”2″ author=”Cordula Schneider” company=”Steuerberaterin, Kanzleiberaterin bei delfi-net” img=”11867″ link=”url:http%3A%2F%2Fwww.delfi-net.de%2F||target:%20_blank|”][/us_testimonial][us_separator type=”invisible” size=”small”]

Ist es das wirklich?

Es gibt eine Studie von PWC aus dem Jahre 2007, die schön zusammengefasst hier zu finden ist.

Hier wurden die Seitenzahlen der Steuergesetze verglichen: Deutschland ist da im Mittelfeld (1.700 Seiten) Spitzenreiter: Indien (9.000 Seiten!). Eine weltweite Umfrage aus 2013 zur Bearbeitungszeit von privaten Steuererklärungen ergab: Deutschland 5,4 Stunden – Spitzenreiter in Europa: Bulgarien mit knapp 500 Stunden.

Es mag eine Reihe von Ländern geben, in denen die Steuergesetze einfacher sind – das sind übrigens die Länder, in denen der Steuerberater demnächst ausstirbt 😉

Aber wir sind weit davon entfernt, Spitzenreiter in Bürokratie zu sein.

Die vorhandene Komplexität hängt meiner Meinung nach zum einen von dem Versuch der Einzelfallgerechtigkeit ab, die einen Wust an Rechtsprechung zur Folge hat.

Zum anderen benutzen die verschiedenen Regierungen das Steuerrecht – auch von Lobbyisten beeinflusst – für Lenkungspolitik mit wechselnden Zielen.

Aber um auf die Buchhaltung zurück zu kommen: Fibu ist auch in Deutschland keine „Atomphysik“ 😉

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Und was denkst du?

Der nächste Experte bist du. Was glaubst du, warum das deutsche Steuerrecht so schwer ist? Oder ist es gar nicht so schlimm und wir beschweren uns einfach zu viel?

Ich freue mich auf deine Meinung in den Kommentaren!

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1 Kommentar
    • Mia
      Apr 23, 2018 12:37 pm Reply

      Dass frage ich mich auch warum das deutsche Steuerrecht so kompliziert ist. Aufgewachsen in einem Land, in dem man gar keine Steuererklärung machen musste und niemand etwas vom Staat zurückbekam, frage ich mich natürlich auch warum so ein System überhaupt existiert. Eine Demokratie führt leider manchmal auch zu eigentlich obsoleten Dingen. Nun ja, so haben wenigstens Heerscharen von Menschen, die in der Steuerberatung Arbeit.

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